Tödliche Recherche

Tödliche Recherche

Der Irak bleibt ein lebensgefährliches Land für Reporter. 141 Journalisten sind dort seit 1993 zu Tode gekommen – mehr als doppelt so viele wie im Vietnamkrieg.

Als Imad El Ibadi am 3. Dezember mit einer Lufthansa-Maschine in München landete, lag das Schlimmste hinter ihm. Der Iraker war auf dem Weg ins Klinikum Großhadern. Dort sollte ihm jene Kugel aus dem Kopf operiert werden, an die sich die Ärzte in Bagdad nicht herangetraut hatten. Sie steckte unterhalb seiner linken Schläfe. Zwei weitere Kugeln hatten in getroffen, waren aber nicht mehr im Körper. Der 39-Jährige hatte viel Glück im Unglück: Eine deutsche Firma würde den Flug und die Behandlungskosten zahlen. In seiner Heimat ist El Ibadi als Journalist und Moderator des Fernsehsenders El Diyar bekannt und beliebt. Bei den meisten Zuschauern, nicht bei allen.

„Er kam aus der Haustür, als ihn die Schüsse trafen“, berichtet sein jüngerer Bruder Fuad, der ihn nach München begleiten konnte, unter Tränen. „Die Schüsse wurden aus schallgedämpften Pistolen abgefeuert, gesehen hat er nicht viel.“ Es grenzt an ein Wunder, dass El Ibadi das Attentat überlebte. Er konnte seinen Verfolgern entgehen, indem er sich in sein Auto stürzte und schwer verwundet quer durch Bagdad bis zu seinem Sender fuhr. Dort brach er zusammen. Wiederholt hatten er und seine Kollegen kritisch über die Zustände im Irak berichtet und dabei auch die Regierung unter Ministerpräsident Nuri El Maliki angeprangert.

Kein Krieg mehr, aber fünf Fronten
„Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt“, sagt Oday Hatem, der für die in England erscheinende arabische Tageszeitung „El Hayat“ schreibt: „Wir arbeiten heute zwischen fünf Fronten. Es gibt El Kaida, es gibt verschiedene Milizen, es gibt die Clanscheichs, die US-Truppen und schließlich die irakischen Polizisten und Soldaten.“ Dass Hatem auch die irakischen Sicherheitsorgane zu den Kräften zählt, die das Leben von Reportern lebensgefährlich machen, beweist seinen Mut. Hatem, der 1974 in der Pilgerstadt Nadschaf geboren wurde und als Oppositioneller die Grausamkeiten des Saddam-Regimes erlebte, zählt zu einer neuen Generation von Journalisten im Irak. Er will eine freie Presse, die die Bezeichnung verdient. Nicht mehr und nicht weniger.

Im vergangenen Sommer hat er einen Verein gegründet, der Sprachrohr in die Welt sein soll. Die „Gesellschaft für die Verteidigung der Pressefreiheit“ macht sich stark für bedrängte und bedrohte Journalisten. Auslöser war im Juli der Versuch der Regierung Maliki, ein Zensurgesetz für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher einzuführen. Die junge irakische Demokratie „in der Wiege zu erwürgen“, wie sich Hatem ausdrückt. Das Gesetz wurde zurückgenommen, wohl auch auf Druck der USA. Ein großer Erfolg für Hatem. Jetzt findet der Kampf nicht mehr auf den Fluren des Informationsministeriums statt, sondern in den Sendern, Redaktionen und auf der Straße.

Gefahrenstelle Checkpoint
„Mitte November wurde der Journalist und Schriftsteller Hassan Abid Radi von Soldaten an einem Checkpoint im Bagdader Stadtviertel Allawi in der Nähe des irakischen Nationalmuseums übel beschimpft, geschlagen und mit der Waffe bedroht“, erzählt er. Radi arbeitet beim staatlichen Fernsehsender El Iraqiya. Der Sender berichtet zwar meist regimetreu und häufig überschwänglich über die Fortschritte im Land, „in rosigen Farben“, wie Hatem sagt. Doch reiche im Irak eben die bloße Bekanntheit als Journalist aus, um zur Zielscheibe zu werden. Viele Medienvertreter, die nicht vor der Kamera arbeiten müssen, verheimlichen deshalb die Art ihres Broterwerbs. Oft wissen nicht einmal die Angehörigen Bescheid.

Hatem hat wie viele andere Journalisten den Eindruck, dass die Regierung nichts tut gegen diese Übergriffe. Er spricht sogar von einer „Kampagne“ gegen die freie Meinungsäußerung. Nahezu wöchentlich verfasst er ein wütendes Bulletin, in dem ein neuer Fall angeprangert wird: Einschüchterungen und Rufmord-Kampagne gegen den Buchautor Hadi Jellu Mari. Briefe mit Morddrohungen gegen die Redaktion des Fernsehsenders Fayhaa. Nicht zu vergessen: drei Kugeln auf den Kollegen Imad El Ibadi. Die Regierung, die kein Interesse an unabhängiger Berichterstattung habe, verhalte sich diesem Phänomen gegenüber gleichgültig. Damit mache sie sich zur Komplizin der Täter.

Die irakische Regierung hüllt sich meistens in Schweigen. Gegenüber FOCUS Online verteidigt Industrieminister Fawzi Franso Hariri die irakische Praxis: „Sie können heute überall hingehen und über alles berichten. Das hat es im Irak noch niemals gegeben und ist besser als in vielen anderen arabischen Ländern.“ Mit Letzterem hat Hariri Recht: Außer im Libanon und von einigen mutigen Vorstößen unabhängiger Zeitungsmacher in Ägypten abgesehen, gibt es in keinem arabischen Land eine freie Presse. Doch soll der Irak nicht anders als die anderen sein, ein demokratisches Musterland mit Strahlkraft in die gesamte Region? Dass Reporter seit 2008 Zeit eine – häufig verweigerte – Genehmigung der Stadtverwaltung brauchen, um auf der Straße mit normalen Bürgern zu sprechen, bestreitet Minister Hariri. Dass es gefährliche Polizisten gibt, bestreitet er nicht: „Manche machen ihren Job nicht gut. Wir brauchen einfach noch ein bisschen Zeit.“

Die internationale Journalisten-Organisation CPJ berichtet aktuell von 141 getöteten Journalisten im Irak. In 20 Jahren Vietnamkrieg sind 66 Medienvertreter ums Leben gekommen. „Wer aus dem Irak berichtet, muss dies weiterhin unter den Bedingungen von Krieg und Krise tun“, schreibt die freie Journalistin Susanne Fischer, die jahrelang im kurdischen Autonomiegebiet gelebt und dort junge irakische Journalisten ausgebildet hat. „Keine der deutschen Zeitungen oder Magazine, nicht einmal die öffentlich-rechtlichen Sender, haben noch dauerhaft Reporter im Land.“ Grund sei die nach wie vor verheerende Sicherheitslage, die die Kosten in unerschwingliche Höhen getrieben habe.

Nachrichtenagenturen wie dpa, AP und Reuters haben nach eigenen Angaben Korrespondenten vor Ort, wollen sich aber aus Sicherheitsgründen nicht über deren Aufenthalt äußern. In der Praxis bedeutet dies häufig, dass Kollegen bei Bedarf aus dem sicheren kurdischen Norden, aus Ägypten oder aus Jordanien nach Bagdad einfliegen. Pressebüros mit ständig präsenten Berichterstattern sind die Ausnahme und liegen in der hoch gesicherten Internationalen Zone (IZ), dem Regierungsviertel Bagdads. Dort herrscht von vereinzelten Raketenangriffen abgesehen Ruhe. Mit dem Leben der Menschen draußen hat das wenig zu tun.

Teure Sicherheit
„Die ausländischen Kollegen verschanzen sich meistens, entweder in der IZ oder in ihren Botschaften“, bestätigt Oday Hatem. Um an Nachrichten zu gelangen, seien sie auf irakische Mitarbeiter angewiesen. „Die Ausländer bewegen sich nur selten im Freien und nehmen auch nur selten an Regierungs-Pressekonferenzen oder Briefings der US-Truppen teil.“ Viele hielten ihren Aufenthalt und ihren Auftraggeber „streng geheim“. Insgesamt schätzt er die Zahl der Korrespondenten im Irak auf 50 bis 60, Pendler eingeschlossen. Hatem versteht die Furcht der Kollegen nur zu gut: Immer wieder fungiert er als diskreter Vermittler, wenn Journalisten im Irak gekidnappt werden. Von vielen Fällen erfährt die Öffentlichkeit nie etwas.

Dennoch: Einige Reporter wagen sich ins ganz normale Leben. Es sind überwiegend Personen, die das Land seit Jahren bereisen und sich auf ein Netzwerk irakischer Helfer und Freunde stützen können. Sie übernachten in Privatwohnungen statt im berüchtigten El Rasheed Hotel, sind unterwegs in unauffälligen Pkws. Frauen achten sorgsam darauf, ein Kopftuch und züchtige Kleidung zu tragen.

„Manche sagen mir Bescheid, wenn sie in ein bestimmtes Viertel zu einem Termin rausgehen, nach dem Motto: ‚Schau mal nach mir, wenn ich in drei Stunden nicht wieder da bin’“, berichtet der Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma, zu dessen Kunden namhafte deutsche Unternehmen gehören. Professionellen Personenschutz durch seine Truppe können sich die meisten Journalisten nicht leisten: Sicherheit für Reporter und andere potenzielle Entführungs-Opfer in Bagdad kostet heutzutage zwischen 4000 und 10 000 Euro. Pro Tag.

http://www.focus.de/politik/ausland/tid-16688/reporter-im-irak-toedliche-recherche_aid_465904.html
von FOCUS-Redakteurin Ellen Daniel