„Heimliches Matriarchat“ in Afrika

„Heimliches Matriarchat“ in Afrika

Beatrice Gräfin von Keyserlingk engagiert sich seit Jahren für den Schwarzen Kontinent. Sie erklärt, warum sie sich dabei auf die Frauen verlässt.

Die Bildung von Mädchen ist der Schlüssel zum Erfolg in Afrika.

In einem Land wie Malawi spricht schon die Statistik für sich: Anfangs wird auf Grund der allgemeinen Schulpflicht noch ein vergleichsweise hoher Prozentsatz an Mädchen eingeschult. Aber nur wenige von ihnen beenden die Grundschule und haben die Chance auf weiterführende Bildung, ganz zu schweigen von einer qualifizierten Berufsausbildung.

Zum einen sind Mädchen immer die Ersten, die zurückstecken müssen, wenn in einer Familie das Geld fehlt, um mehreren Geschwistern die Ausbildung zu finanzieren. Oder wenn die Versorgung nicht mehr gesichert ist, zum Beispiel nach dem Verlust eines Elternteils. Zum anderen werden Frauen meist sehr jung verheiratet und bekommen dementsprechend früh ihre Kinder, sodass an eine Weiterbildung nicht mehr zu denken ist.

Als wir vor acht Jahren mit der Christian-Liebig-Stiftung unsere erste Sekundarschule in Malawi bauten, legten wir fest, dass dort gleich viele Mädchen wie Jungen aufgenommen werden müssen.

Oft konnte ich bei meiner Arbeit mit den Kindern beobachten, dass Mädchen, die aus Familien kommen, in denen die Mutter bereits über einen gewissen Grad an Bildung verfügt, ein größeres Selbstbewusstsein haben und weniger anfällig sind für den geschlechtstypischen „Dropout“. Sie agieren selbstbestimmter und achten besser auf sich – auch was die Ansteckungsgefahr durch Krankheiten und die Hygiene im Allgemeinen angeht.

Wissensvermittler sind in den meisten Fällen ihre Mütter und Großmütter. Die Väter hingegen spielen kaum eine Rolle. Oft sind sie auch physisch nicht anwesend.

Ich beschreibe die afrikanische Gesellschaft gern als „heimliches Matriarchat“: Nach außen haben dort die Männer das Sagen – und zeigen das auch gern sehr laut. Aber sehr viele konstruktive Gespräche werden von Frauen geführt. Auch in meiner Stiftungsarbeit verlasse ich mich fast ausschließlich auf Frauen.

In der Entwicklungszusammenarbeit hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass afrikanische Frauen die verlässlicheren Partner sind: Nicht umsonst werden Mikrokredite überwiegend an sie vergeben. Sie verwenden und verwalten das Geld nicht nur sinnvoller, auch der Rückfluss ist bei ihnen viel höher als bei den Männern.

Ein Großteil des Bruttosozialprodukts in afrikanischen Ländern wird von Frauen erwirtschaftet, selbst wenn die offiziellen Zahlen das nicht wiedergeben. Auch die frisch gekrönten Nobelpreisträgerinnen Ellen Johnson-Sirleaf, Leymah Gbowee und Tawakkul Karman haben erkannt, dass in der Stärkung der Rolle der Frau ein großes Potenzial für den afrikanischen Kontinent liegt.

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